Von der Idee zum Bild

Sigrid v. Lintig im Interview mit Esther Niebel

Esther Niebel: Immer noch ist dein Thema Wasser, beziehungsweise der Mensch, der sich im Element des Wassers bewegt. Ausgangspunkt war, dass du selbst seit Jahren jeden Tag schwimmen gehst und dieses Erlebnis Teil eines neuen Lebensabschnittes und das Integrieren einer anderen Realität, nämlich die sinnliche Wahrnehmung im Wasser, in dein Bewusstsein kam. In deiner neuen Serie, die wir hier aktuell zeigen, beschäftigst du dich nicht nur mit der Abbildung des menschlichen Körpers und dessen optischer Verzerrung, die durch das Untertauchen im Wasser entsteht. Du gehst diesmal über die Verzerrung hinaus bis sich der Körper scheinbar in der Abstraktion auflöst. Was interessiert dich daran? Ist es das optische Phänomen oder die Vermittlung des sinnlichen Empfindens in einem dem Menschen artfremden Element?

Amy, 60 x 40 cm, Pigmente, Acrylbinder auf Leinwand, 2021

Sigrid v. Lintig: Am Anfang standen die Erfahrung der schwebenden Eigenbewegung im Wasser und das Phänomen der Lichtbrechung unter und über Wasser, aus meiner Sicht als Hallenschwimmerin und bei Betrachtung vom Beckenrand aus. Bei der Umsetzung in Malerei erweckte neben den dabei zu beobachtenden Verzerrungen auch die Fragmentierung der Schwimmenden, die aufgelösten Formen und verschwommen Farben, mein Interesse. Daher bot sich aus meiner ästhetischen Erfahrung während des Malens der Schritt zur Abstraktion an. Diese ist nicht nur Vereinfachung eines Naturvorbildes, sondern eine weitere spielerische Auseinandersetzung mit unabgegrenzten Bildmotiven und unfesten Flächen, wie ich sie seit bald 30 Jahren malerisch umsetze. Das berührt z.B. das Verhältnis von Schärfe zu Unschärfe oder die Frage nach der Detailgenauigkeit. Dabei geht es mir weniger um die didaktische Vermittlung visueller Effekte für den Betrachter, sondern um meine Erfahrung in der Malerei, die mich zu neuen Themen und Mitteln führt. Die Abstraktion ist weder Selbstzweck noch ein beliebiges Thema, sondern hat sich aus meiner Malerei ergeben. Auf der Schnittlinie zwischen Realismus und abstrakter Malerei bieten meine Ausgangswahrnehmungen eine Möglichkeit der Wendung eines nachvollziehbaren Bildthemas ins rein Malerische, die nicht beliebig erscheint, sondern die Wahrnehmung selbst und die Freude am Erfundenen einbindet. Die Sinnlichkeit vermittelt mehr die Bewegungsfreude im Wasser, als das Wasser selbst und bezieht sich auch auf das Farbspiel des Lichtes auf der bewegten Oberfläche.

Rotation III, 75 x 120 cm, Pigmente, Acrylbinder auf Leinwand, 2020

Esther Niebel: Um die gewünschte Abstraktion zu erreichen, bewegen sich die dargestellten Körper im Wasser wie bei ROTATION oder UNDERWATER TANGO. So entstehen farbige Strudel und Unschärfen, Bewegungen und Überlagerungen. Wasser, Luft und Körper überlagern sich. Wie viel Zufall und wie viel Inszenierung ist in deinen Bildern?

Sigrid v. Lintig: Die aktuellen Gemälde setzen die beschriebenen Entwicklungen fort und bedeuten keinen Bruch sondern eine Fortsetzung meiner Arbeit, die sich bis zu meinen früheren Mal-Serien und Themen der 1990er Jahre (Industrie, Türme, Scharf/Unscharf) zurückverfolgen lässt. Wie Skizzen bilden hunderte Fotos die Ausgangsbasis, die mit einem zielgerichteten und kompositorischen Blick intendiert sind, manchmal von einer Leiter aus. Lichtverhältnisse, Bildausschnitt und Fokus bescheren in einer Vielzahl von Fotoserien bewusst gestaltete Motive, die schon beim Auslösen meinem Blickwinkel entsprechen. Die Inszenierung entsteht durch Bewegungsanleitung, durch Kleider und Modellwahl. Der Zufall wird durch den Moment des Geschehens beim Auslösen der Kamera ins Spiel gebracht, der unberechenbare Details beschert. Ohne beliebig zu sein, spielt der Zufall mit, erfährt aber durch Selektion des Vorbildes aus Tausenden von Fotos eine kontrollierte persönliche Justierung. Durch die Bearbeitung im Malprozess wird das Vorbild dann noch weiter kalkuliert umgearbeitet und in seiner Wirkung gesteigert.

Underwater Tango III, 40 x 60 cm, Pigmente, Acrylbinder auf Leinwand, 2020

Esther Niebel: Manche deiner Modelle ziehst du speziell an. Aus älteren Serien kennt man die Männer im Anzug aber auch Frauen in langen, farbigen Kleidern. Was inspiriert dich zu diesen Requisiten?

Sigrid v. Lintig: Zunächst beschäftigte ich mich mit Schwimmern in „normaler“ Schwimm-Bekleidung. Erst später ergänzte ich gezielt die Badeanzüge mit Gewändern, die die Bewegung im Wasser stärker zur Geltung bringen. Von da an sind die Modelle für die Malerei inszeniert worden. Kleidungsform, Farbspiel und Tätowierungsmuster erweitern das Spektrum der zerlegten Formwelten und bieten neue reizvolle Auflösungserscheinungen für mein Spiel mit realistisch wirkenden Abstraktionen und freier Malerei. Wie bei den Anwälten in Anzügen, kommen über das Narrative spezifischer Kleidung gelegentlich noch weitere inhaltliche Assoziationen mit z.B. Gesellschafts- und Verhaltensbezügen hinzu. Dadurch ergibt sich zugleich ein Verfremdungseffekt, als seien die Menschen aus ihrem Alltag heraus gerissen worden und ins Wasser gestürzt. Die farbigen Gewänder der Modelle erwecken hingegen den Eindruck, als lebten sie im Wasser. Sie erscheinen der Wirklichkeit entrückt als mythische oder märchenhafte Wasserwesen aus einer anderen Sphäre. 

Esther Niebel: Auf dem Bild MEDUSA erkennt man den Körper fast nicht mehr. Wenn man deine anderen Bilder kennt, kann man eventuell noch den Kopf erahnen. Auf diesem Bild bist du über die vollständige Abstraktion des Menschen zu der Anmutung einer neuen Gestalt gekommen. Wie kommt es, dass der Mensch in der Bewegung im Wasser Ähnlichkeiten mit einer Qualle bekommt?

Sigrid v. Lintig: Dieser konkrete Eindruck dürfte mit den Sehgewohnheiten, bzw. Assoziationen der Betrachtenden zusammenhängen. Ich als Malerin und die Betrachtenden schöpfen aus einem ähnlichen kulturellen Bilderschatz und geteiltem Wissen, das beim Anschauen des Gemäldes aktiviert wird. Die visuellen Metamorphosen des menschlichen Körpers im Wasser sind ein interessantes Thema, weil sie die Grenzen und Übergänge des „Menschseins“ zu anderen Lebewesen und die Verbindung von Mensch und Medium Wasser, in das er eingebettet ist, verdeutlichen können. Weil die Beine dicht unter der Wasseroberfläche vom Wellenspiel zerlegt werden und das Gehirn ein assoziativ schlüssiges Wiedererkennungsbild sucht, bieten sich die Sagengestalt Medusa oder eine Qualle als Form an. Das lockt die Betrachtung an, die dann im Detail mit freien Formen konfrontiert wird.

Eel, 120 x 180, Pigmente, Acrylbinder auf Leinwand, 2020

Esther Niebel: In der aktuellen Ausstellung ELEMENT stellst du gemeinsam mit Barbara Navi aus. Inwiefern ergänzt beziehungsweise unterscheidet ihr euch thematisch und in Bezug auf die bildliche Umsetzung?

Sigrid v. Lintig: Der gemeinsame Titel ELEMENT bezieht sich einerseits auf einen einfachen Grundstoff, der die Grundlage der komplexen materiellen „Realität“ wie ein Modul bildet und andererseits auf die vier Elementelehre, die als intensiv erlebter Wasser- bzw. Luft- und Erdraum Schwerpunkte unserer Arbeiten bilden. Der damit formulierte Anspruch der Ausstellung mag manche Besucher zum Widerspruch reizen. Auf den ersten Blick fallen die Unterschiede zwischen meinen und Barbara Navis Arbeiten sowohl in der Art der Malerei, als auch in Bezug auf die Sujets ins Auge. Helligkeit, Intensität und Ton, Auftrag und Zusammenspiel der Farben, Offenheit oder Geschlossenheit des Bildes, Zeitdimensionen und Qualität der Dynamik sind unterschiedlich. Umso überraschender sind die Parallelen, wenn z.B. Barbara Navis Arbeit FUGUE trotz der deutlichen Unterschiede im Einsatz der künstlerischen Mittel meinen Arbeiten nahe kommt, indem z.B. auch von ihr Fragen nach der bildlichen Darstellung und nach den Bedingungen der Möglichkeit der Abbildung aufgeworfen werden. Da gibt es bei uns beiden die Auseinandersetzung mit dem Medium der Fotografie oder mit bestimmten Bildern und den für sich stehenden, dynamischen Prozess der Malerei. Dieser Malprozess findet im Spannungsfeld von visueller Abbildhaftigkeit und individuellen oder kollektiven Erfahrungen oder Wahrnehmungen statt, die über das fotografische Abbild hinaus gehen. Barbara Navi zerlegt in ihren Bildern aus Collagen historischer Vorlagen die Details in flächige Lasurpartien und löst ebenso partiell das realistische Bildgefüge auf. Ihre häuslichen Räume aus Kindheitstagen greifen Privates auf und verschränken es theatralisch mit kunsthistorischen Motiven. Ich kenne alle meine Modelle persönlich, die durch ihr Outfit als zeitgenössische Menschen erkennbar sind. Sie geht kritisch mit Erinnerungskultur um, während ich die formalen Wirkungen der Wahrnehmung thematisiere und in Teilen optisch wirklichkeitsgetreu bin, sie hingegen inhaltlich getreu, aber verfremdet darstellt. Beide unterlaufen wir den Illusionismus zugunsten einer durch Anreize ausgelösten Andeutung von Wirklichkeit und deren Vervollständigung im Bewusstsein der Betrachtenden. Eine interessante Verwandtschaft ergibt sich hinsichtlich des Realismus in der Malerei, der sich nicht in der bloßen Abbildung von Vorhandenem und Sichtbarem erschöpft, sondern sich erst im Sichtbarmachen von Zusammenhängen der Realität erfüllt, die bislang übersehen worden sind. Diese Sichtbarmachung neuer Bezüge durch Malerei erkenne ich sowohl in meiner Arbeit MEDUSA als auch in Barbara Navis DEJEUNER DUR L´HERBE. Insofern bietet die Kombination von Werken, die zunächst sehr kontrastreich und widersprüchlich erscheinen, eine anregende Atmosphäre für unterschiedliche ästhetische Erfahrungen und Diskussionen.

Rotation IV, 80 x 120, Pigmente, Acrylbinder auf Leinwand, 2020